Donnerstag, 5. Mai 2016

Jetzt tauch ihn endlich tiefer!!!

Vom Babyschwimmen zum Seepferdchen
Ich bin eine gute Mutter. Wirklich! Nur ganz ganz selten gehen die Pferde mit mir durch. Zum Beispiel dann, wenn ich den Mann dazu nötige, das Baby nicht so luschimäßig nur mit der Nasenspitze durchs Wasser zu ziehen, sondern ordentlich unter zu tauchen.
Aber fangen wir von vorn an. Vor der Geburt des Großkindes bin ich hoch motiviert, alles an Babykursen mitzunehmen, was die Babykursmaschinerie anzubieten hat. PEKiP, Babymassage, Babyzeichensprache, KANGA-Training, Musikgarten, das volle Programm. Und eben auch Babyschwimmen. Okay! Nach ein paar schlaflosen Wochen hat sich mein Kursplan radikal von selbst zusammengestrichen. Um das schlechte Gewissen zu beruhigen, dass wir nicht wirklich alles getan haben, um unseren ältesten Spross bestmöglich (früh) zu fördern, nehmen wir tatsächlich am Babyschwimmkurs teil. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel:
-          das Baby hat Schnupfen
-          das Baby zahnt
-          das Baby hat schlecht geschlafen
-          ich habe schlecht geschlafen
-          es ist Winter (zu viel zum An- und Ausziehen)
-          es ist Sommer (da geht man ja lieber ins Freibad)
Also gehen wir de facto nicht oft, aber wenn, dann sind wir mit Feuereifer dabei.
Das beginnt schon beim Umziehen. Während die anderen ihre Kinder in die 08/15-Schwimmwindeln der großen Drogeriemärkte stecken, und die kleinen Glatzköpfe nur noch daran unterschieden werden können, wie weit ihre Ohren vom Kopf abstehen, trägt das Winzkind stilecht Shorts. Mit Surfbrettern drauf! Es soll bereits beim Betreten des Bades so aussehen, als sei er fürs Wasser geboren. Vom Fruchtwasser direkt ins Badewasser sozusagen. Leider hat er zu wenig Haare, um ihm eine stilechte Surfertolle zu kämmen.
Apropos Badewasser, das Becken, in dem der Schwimmkurs stattfindet, ist gefühlt so groß wie ein Planschbecken für den Balkon. Zehn schwitzende Elternteile (Raumtemperatur hat saunaähnliche Ausmaße) mit neun Babys (in jedem Kurs ist eine Familie dabei, die das Wunder des Kindes im Wasser zu Zweit erleben muss) tummeln sich also in einer Art Brühe. Wir sind der vierte Kurs an diesem Tag, bereits drei mal neun kleine Menschen vor uns hatten die Chance, auszuprobieren, ob die Schwimmwindeln wirklich dicht sind (sind sie nicht). Das Wasser ist sehr warm, jetzt wissen Sie auch wieso!
Der Kurs ist unabhängig vom Geschlecht des Kinders überwiegend mit Vätern besetzt (plus einer zusätzlichen Mutter, die das Wunder als Pärchenscheiß erleben muss – siehe oben). Die Kursleiterin stimmt das Begrüßungslied an, bei dem die Babys auf einer grünen Wiese in einem Karussell eine wilde Fahrt erleben. Die Kursleiterin übertönt die brummenden Bassstimmen der eher unmotiviert mitsingenden Väter um einiges. Pauls schmalbrüstiger Vater bricht fast zusammen, als er seinen 10-Kilo-Sohn beim Kommando „einsteigen“ in die Höhe stemmen soll. Im Anschluss an das Lied wird der schwimmbewindelte Nachwuchs auf einem halben Quadratmeter vom jeweils stolzen Vatertier hin und her geschoben. Die lieben Kleinen reagieren höchst unterschiedlich. Von großer Entspannung (Achtung: höchste Pipialarmstufe!) bis zu panischem Gebrüll. Und glauben Sie mir, das kreischende Echo, das von den Wänden der kleinen Schwimmhalle widerhallt, beschert einem HNO-Arzt ein Jahresgehalt für diverse Tinnitusbehandlungen geschädigter Elternohren.
Ich beobachte das Spektakel amüsiert von der Bank aus. Einige Mütter leisten mir Gesellschaft, andere hopsen wild rufend ums Becken herum. Hier hat übrigens eine Evolution der Unterhaltungselektronik stattgefunden. Sah ich beim Großkind vereinzelt mal eine Mutter mit Fotoapparat am Beckenrand stehen, sind sechs Jahre später beim Winzkind die stolzen Mütter mit ganz anderen technischen Utensilien bestückt. Einige filmen und fotografieren ganz schnöde mit dem Handy, aber ein Großteil ist mit Selfie-Sticks ausgestattet, die allerdings nicht dafür genutzt werden, ihre eigene Visage in Bild und Ton festzuhalten, sondern dafür, die Unterwasserkameras möglichst nah vor Babys Gesicht im Schwimmbecken zu platzieren. Da liegen also Mütter am Beckenrand, halten Stäbe mit Kameras ins Wasser und geben den Vätern Regieanweisungen, damit Babys erste Schwimmversuche für das Heimvideo in 4D möglichst effektvoll in Szene gesetzt werden. „Jetzt lass Leon-Levi mal direkt auf die Kamera zu schwimmen! Halt! Leon-Levi! Nicht aufs Objektiv fassen!“
Die Kursleiterin bleibt davon unbeeindruckt und zieht ihr Programm durch. „Jetzt gieße ich den Babys mit einer Gießkanne Wasser über den Kopf, und ihr taucht sie daraufhin unter!“, ruft sie enthusiastisch.

Der Enthusiasmus auf Seiten der Eltern ist an dieser Stelle zweigeteilt, um nicht zu sagen dreigeteilt. Die einen nicken brav, lassen aber einen leichten Restzweifel in ihren Gesichtern erkennen. Die anderen empören sich lautstark darüber, dass sie ihr Kind auf gar keinen, ich wiederhole AUF GAR KEINEN Fall unter Wasser tauchen werden. Und dann gibt es noch mich. Ich schaue mir an, wie erst die anderen Väter beinahe ängstlich ihre Kinder minimalst ins Becken tunken, und beobachte dann den Mann dabei, wie er unseren Sohn durchs Wasser zieht, selbiges aus der Gießkanne auf seinen kleinen nackten Schädel regnen lässt und ihn dann sehr zaghaft bis zur Nase ins Wasser döppt. Ja, und dann kommt mein großer Auftritt. „DU MUSST IHN TIEFER TAUCHEN! SOLANGE ICH NOCH SEINEN KOPF SEHEN KANN, IST ES KEIN TAUCHEN!“, brülle ich von meiner Mütterbank aus am Beckenrand einmal quer durch die ganze Schwimmhalle. Siebzehn erschrockene Augenpaare richten sich auf mich. Nur die Kursleiterin hebt grinsend den Daumen. „Was denn? Sie hat gesagt, die Babys sollen tauchen“, erkläre ich achselzuckend. Wenn wir das hier schon machen, dann auch richtig!
Sechs Jahre später stelle ich mir allerdings die Frage, ob es überhaupt ein RICHITG oder FALSCH gibt. Nach der missglückten Tauchstunde bin ich lieber selbst mit dem Sohn ins Wasser gegangen, was allerdings nicht dazu geführt hat, dass er sich heute auch wirklich wie ein Fisch im Wasser bewegt. Haben Sie sich mal gefragt, wieso das erste Schwimmabzeichen Seepferdchen heißt? Nein? Dann stellen Sie sich jetzt einfach vor, wie so ein Seepferdchen im Wasser schwimmt. Ungefähr genauso senkrecht steht das Großkind beim Schwimmen im Wasser. Vom Tauchen wollen wir an dieser Stelle erst gar nicht anfangen.
Es ist also völlig wurscht, ob Sie zum Babyschwimmen gehen oder nicht, ob Sie Ihr Baby dabei untertauchen oder nicht. Egal, an was für Kursen Sie teilnehmen, ob im Wasser oder auf dem Trockenen. Stellen Sie sich einfach die Frage: Haben mein Baby und ich Spaß dabei? Wenn Sie dies bejahen können, schwimmen, krabbeln, turnen, massieren oder singen Sie soviel Sie mögen! Ansonsten bleiben Sie beruhigt zu Hause und genießen die Zeit mit ihrem Kind genauso wie es Ihnen gefällt!

Mittwoch, 27. Januar 2016

Ich habe es gesagt!


Im Rahmen der Blogparade von  hole ich das Nupsigedöns endlich wieder aus der schon viel zu lang anhaltenden Sommerpause. (Haben Sie bockige i-Männchen zu Hause? Nein? Dann wissen Sie auch nicht, wieso ich schon seit Monaten im Blognirwana verschollen bin!)


Ich habe es gesagt!

„Verstecken Sie da einen Kürbis unter dem Shirt, und wenn ja – welche Sorte?“

Um solchen Fragen zu entgehen, muss man - im Angesicht der Ankunft eines neuen Erdenbürgers - auch irgendwann die Menschen um einen herum darüber aufklären, dass man tatsächlich schwanger ist und keine Lebensmittel unter der Kleidung versteckt. („Ich habe eine Wassermelone getragen“ könnte da ganz neu interpretiert werden).

Drei Schwangerschaften erforderten also auch meinerseits drei Mal DEN einen Moment, in dem man dem Papa in Spe, zukünftigen Großeltern, Tanten und Freunden von dem freudigen Ereignis berichtet. Das ist mir mal mehr mal weniger gut gelungen.

Das Großkind

Ein positiver Schwangerschaftstest! Digital – in Worten – SCHWANGER! Total geflasht halte ich dieses Wunderwerk der Medizin (oder vermutlich eher der Chemie … oder gehört das unabdingbar zusammen … ach egal) vor mir und ignoriere, dass ein nicht unerheblicher Teil davon zuvor in meinen Urin getaucht worden ist. (Nebenbei bemerkt, so ganz unter uns: finden Sie mal passende Pipiauffanggefäße, das ist das allerschwierigste an der Durchführung eines Schwangerschaftstests).

Es ist irgendwas um halb sechs Uhr morgens, länger habe ich es nicht ausgehalten, um aufzustehen und zu testen. Der Mann schlummert noch, es ist Wochenende, er wird bestimmt vor zehn oder elf Uhr nicht aufstehen (ja, damals ging das noch, da hätte ich mich selbst ausgelacht, wenn ich um acht Uhr behauptet hätte, endlich mal wieder richtig ausgeschlafen zu haben.) Ich schnappe mir einen Eyeliner und schreibe „Guten Morgen Papa“ auf den Badezimmerspiegel. Auf den Waschbeckenrand lege ich den positiven Schwangerschaftstest. Dann krieche ich wieder ins Bett und warte, dass der Mann endlich aufsteht. Und warte. Und warte. Und warte! (Hätten wir da schon Kinder gehabt, hätte sich das Warten natürlich erübrigt. Man unterschätzt einfach, wie praktisch so kleine Frühaufsteher sind.) Als er endlich im Bad verschwindet, tigere ich voller Vorfreude auf seine Reaktion vor der Badezimmertür auf und ab. Eine gefühlte Ewigkeit später kommt er heraus … und macht sich einen Kaffee!?! Hallo? Tja! Memo an mich (und alle Frauen der Menschheit): Männer gucken morgens nicht automatisch in den Spiegel. Und sie wundern sich auch nicht über Schwangerschaftstests auf dem Waschbeckenrand, vermutlich weil sie diese im Zweifelsfall für ein neues Schminkutensil der Frau halten, extrabreite Eyeliner für den ultimativen Zombie- … äh Vamp-Augenaufschlag oder ultraflache XL-Lippenstifte für die Schlauchlippen von morgen.

Nächster Versuch der großen Schwangerschaftsüberraschung: meine Eltern! Die wissen tatsächlich nicht, dass wir überhaupt planen, Nachwuchs in die Welt zu setzen. Daher kommentiert mein Vater den digitalen Schwangerschaftstest, den ich ihm als Geschenk überreiche, auch reichlich verdutzt mit den Worten: „Was ist das? Ein Textmarker?“ Weitere zehn Sekunden dauert es, bis er noch irritierter fragt: „Wieso steht da schwanger drauf? Wer ist schwanger?“ Der Mann guckt ihn an und erwidert ganz trocken: „Ich.“ Und während mein Vater immer noch grübelt, hat meine Mutter es endlich verstanden. Herrlich!

Das Mittelkind

Schwanger! Der Mann ist dieses Mal beim Testen dabei, es bedarf also keiner extra Überraschung für ihn (die er vermutlich sowieso nur durch männliche Ignoranz ruiniert hätte).
Wir beschließen diesmal, die Schwangerschaft die ersten zwölf Wochen geheim zu halten. Das hätte auch klappen können - bei normalen Menschen - aber natürlich nicht bei uns.

„Na, konntest du es doch nicht für dich behalten?“

Diesen Satz wirft der Mann fröhlich in ein Gespräch ein, das ich auf einer Geburtstagsparty mit seiner Schwester und deren Freundin führe, als er von der Biertheke zurück kommt. Die Doppeltante in Spe bekommt große Augen, und der Mann begreift dann auch, dass wir uns zwar über Babynamen unterhalten haben (ganz unverbindlich, es war nicht MEINE Idee, sondern purer Zufall, dass das Thema angeschnitten wurde), aber ich mitnichten erzählt habe, dass ich wieder schwanger bin.

Das Winzkind

Heiligabend. Wir sitzen unterm Weihnachtsbaum. Ich überreiche als allerletztes Geschenk einen Umschlag mit den Worten „Bilder von den Enkelkindern“. Meine Mutter betrachtet die Photos, und als sie bei Bild Nummer 3 (mit einem Ultraschallbild und dem Test) angelangt ist, versinkt sie spontan Gesicht voran auf dem Teppich. Ihr Rücken bebt. Das kann jetzt entweder bedeuten, sie lacht oder schlimmer: Sie heult! Und zwar keine Freudentränen! Meine Mutter war nämlich stets diejenige, die an meinem Verstand zweifelte, wenn ich erwähnte, dass ich mir auch gut ein drittes Kind vorstellen könnte. Ich schlucke und harre der Dinge. Ob ich ihr mal auf den Rücken tippen soll? Aber da hebt sie auch schon den Kopf – und lacht! Dann murmelt sie so etwas wie „Ihr seid ja verrückt“ und freut sich dann doch!

Mit dem Geheimhalten hat es ansonsten natürlich erneut nicht geklappt. Und wer ist WIEDER mal schuld? Der Mann!

„Guck mal, so einen könnten wir jetzt gebrauchen!“, sagt er, als wir im Auto sitzen und zeigt auf einen Bus bei einem Autohändler, an dem wir gerade vorbei fahren.
Dummerweise sitzt seine Schwester mit im Auto, und die Dreifach-Tante in Spe ist wieder mal nicht auf den Kopf gefallen. „Bist du etwa wieder schwanger?“
Mein „Neeeeeeeeeeein“ nimmt sie mir dann nicht wirklich ab, aber wir tun trotzdem noch ein paar Wochen so, als hätte es das Gespräch niemals gegeben!






Ob romantisch, witzig oder unfreiwillig. Der Moment, eine Schwangerschaft zu verkünden, ist fast immer genauso aufregend und schön wie der Moment des positiven Tests selbst. Ich werde mich auf jeden Fall immer gern daran zurück erinnern (und vielleicht irgendwann mal eine Wassermelone unter mein Shirt schieben, um meine Mutter zu erschrecken!)  


weitere Beiträge zur Blogparade findet man hier:

Freitag, 12. Juni 2015

Das Lunch-Paket-Trauma


Wie vermutlich überall unternimmt auch unsere KiTa mit den Kindern Ausflüge. Da wird dem kleinen Wikinger Wickie auf der Freilichtbühne zugeschaut, wie er sich bei einer guten Idee die Nase rubbelt, bei der Feuerwehr lernen die angehenden Feuerwehrmänner und –frauen wie man sich im Falle eines Brandes zu verhalten hat, oder es geht ab zum Schlittenfahren auf den nahgelegenen Hügel. In der Regel bedeuten diese Aktivitäten für mich keinen nennenswerten Aufwand über die normalen Vorbereitungen des Tages hinaus. Kind anziehen, in die KiTa schicken, fertig!

Das ist auch gut so, denn mein stilldementes Hirn verfügt über mehr Löcher als das Mäuselabyrinth unter unserem Kräuberbeet, durch die wichtige Informationen auf nimmer Wiedersehen einfach hinaus suppen. Glücklicherweise gibt es im Kindergarten an den Garderobenfächern das Fach Elternpost, in dem für solche Mütterexemplare wie mich extra nochmal alles schriftlich hinterlegt wird, zum Abarbeiten quasi. Dummerweise verschwinden solche Leitfäden zu Ausflügen bei meinen Söhnen immer unter Müllbergen von alten Eicheln, Katzengold, Stöckern, Glitzerdingsbums und Stapeln von Ritter-Drachen-Weltraum-Monster-Bildern. Nehm ich morgen mit, wenn ich die Hände frei habe ist da mein Leitspruch. Leider habe ich nie die Hände frei.

Manchmal schaffe ich es dennoch, einen Elternbrief als solchen zu erkennen und aus dem Sammelwust herauszuziehen. Aha! Ausflug in die Waldschule steht an. Les ich mir nachher genauer durch, denke ich, denn gerade muss das Mittelkind Pipi und das Winzkind möppert in der Trage vor meiner Brust, während das Großkind mir erzählt, dass er heute draußen ein großes Schlammloch gebuddelt habe. Ja, so sieht er auch aus! Der Zettel verschwindet in meiner Handtasche.

Auf dem Weg nach draußen treffe ich auf eine Erzieherin, die mich daran erinnert, am Montag für den Ausflug zur Waldschule morgens einen Kindersitz für das Großkind mitzubringen. Ich stopfe eines meiner Hirnlöcher und speichere brav ab: Sitz mitbringen.
Der Montag kommt und ich platze fast vor Stolz. Ich habe nämlich nicht nur an den Kindersitz gedacht sondern sogar daran, unseren Namen auf das Teil zu schreiben, damit wir später auch tatsächlich unseren Sitz wieder mitnehmen.

„Heute geht es in die Waldschule, freust du dich?“

„Und wo sind die vier Euro?“, erhalte ich die etwas zusammenhangslose Antwort.

„Vier Euro????“

„Na für die Waldschule.“

„Solltet ihr vier Euro mitbringen?“

„Ja-ha.“

Ups. Stand bestimmt auf dem Zettel, den ich vergessen habe, zu lesen, beschleicht mich der Gedanke. Im Portemonnaie des Vatertiers und in meinem finde ich je zwei Euro. Das nenne ich Teamwork. Gut, dass das Großkind an das Geld gedacht hat. Das wär sonst wieder peinlich geworden.

Um dann schlägt erneut mein löchriges Stillhirn zu. Um wie viel Uhr sollten wir die Kinder noch an der Waldschule abholen? War es 16 Uhr oder 16 Uhr 30? Ich durchsuche eine Handtasche nach dem Zettel. Ich sage bewusst eine Handtasche, ich hab nämlich an die drölfundvierzig Handtaschen und kann mich spontan natürlich nicht mehr daran erinnern, welche ich am Freitag dabei hatte. Ich finde den Zettel nicht und beauftrage das Vatertier, in der KiTa nachzufragen, wenn er die Jungs abliefert und mir eine Nachricht zu schicken. Vier Stunden später lese ich selbige, die das Vatertier pflichtbewusst direkt am frühen Morgen versendet hatte. Abholen 16 Uhr und das Großkind hätte ein Lunchpaket mitbringen müssen, ob ich das noch nachliefern könne, Abfahrt an der Kita ist 13.30 Uhr. Ach du Sch…! Wie konnte ich das Lunchpaket vergessen?



Ich fühle mich zurück versetzt ins Jahr zuvor, dem ersten unglücklichen Akt des Lunchpaket-Traumas. Während ich schwangerschaftsbedingt würgend über der Toilettenschüssel hing, schmierte das Vatertier morgens die Brote für das Lunchpaket für den Ausflug zur Waldschule. Als ich gegen 13.30 Uhr das erste Mal in der Lage war, darüber nachzudenken, zumindest mal an einer trockenen Scheibe Brot zu riechen, entdeckte ich, dass der komplette Brotlaib verschimmelt war. Das bedeutete, dass auch das Großkind schimmeliges Brot mit Wurst und Käse in seiner Tupperdose liegen hatte. So schnell mich meine Watschelfüße unter meinem dicken Babybauch tragen konnten, war ich zum Telefon gerannt, hatte „Schimmel!“ in den Hörer gebrüllt und gerade noch abwenden können, dass das Großkind die fragwürdige Mahlzeit mit in die Waldschule nehmen würde. (Die Kinder waren schon dabei, das KiTa-Gelände zu verlassen und die Erzieherin hatte nur mit einem beherzten Brüllen ihrerseits die Aufmerksamkeit der Gruppe erreichen können). Mein Sohn musste also ohne Lunchpaket fahren.

Und nun stehe ich wieder hier und das arme verwahrloste Kind hat kein Brot! Und das ist auch nicht mal eben so nachgeliefert, denn ein Blick in unseren Brotkorb zeigt mir die traurige Wahrheit in Form eines vertrockneten Käntchens. Ich schaue auf die Uhr. In einer halben Stunde ist Abfahrt zur Waldschule, eine Viertelstunde fahre ich zur KiTa. Ich reiße das Winzkind aus seinem Mittagsschlaf, stopfe ihn in die Babyschale und rase zum Bäcker, bewaffnet mit einem Kinderrucksack, einer Banane, einer Trinkflasche voll Wasser, einer Brotdose, einem Messer und dem Lieblingskäse des Großkindes. Beim Bäcker angekommen belle ich meine Bestellung über die Theke, schnappe mir die Tüte, verfrachte das Winzkind zurück ins Auto. Dabei erleide ich beinahe einen Ohnmachtsanfall, da das Auto bereits nach wenigen Minuten so dermaßen nach dem Camembert stinkt, dass es kaum auszuhalten ist. Ich schmiere die Brötchen mit dem mitgebrachten Messer noch auf dem Parkplatz, haue den Gang rein und brettere zur KiTa. Dort angekommen drücke ich einer überraschten Erzieherin gerade noch rechtzeitig den mit zwei Brötchen, einer Banane und der Trinkflasche gefüllten Rucksack in die Hand.

Geschafft! So langsam fallen wir zwar vermutlich negativ auf als die Familie, die alles vergisst, wenn man es ihnen nicht in doppelter und dreifacher Ausführung sagt, aber ich kann zumindest behaupten, dass mein Sohn nun zusammen mit den anderen im Wald picknicken kann.

Fast schon euphorisch beschwingt fahre ich wieder nach Hause.
Um 16 Uhr stehe ich pünktlich auf die Minute auf dem Gelände der Waldschule und warte zusammen mit den anderen Müttern und Vätern auf unsere Schützlinge. Da kommen sie auch schon um die Ecke gerannt und schmeißen sich lachend in unsere Arme.

„Na, wie war es in der Waldschule?“

„Toll!“ Das Großkind strahlt mich an.

„Und habt ihr auch ein Picknick gemacht?“

„Ja, aber Mama, ich war ganz sparsam. Ich hab noch zwei Brötchen und eine Banane!“

„Dann hast du ja gar nichts gegessen!“

„Nö, das heb ich mir für Zuhause auf.“


Ich suche die Wand, vor die ich meinen Kopf hauen kann. 

Donnerstag, 30. April 2015

Impfen oder nicht impfen, das ist hier (nicht) die Frage …!



Hatten Sie schon einmal Rota-Viren? Nein? Kann ich auch nicht unbedingt empfehlen. 

Als das Mittelkind im Impfalter ist, kommt ein Impfstoff dagegen auf den Markt. Als kritisch-distanziert-interessiertes Elternpaar diskutieren wir über das Für und Wider und entscheiden uns schließlich gegen die Impfung. An Brechdurchfall stirbt es sich ja für gewöhnlich nicht so schnell, und man muss ja nicht stumpf gegen alles impfen. Nee, muss man wirklich nicht!

Deswegen erbricht das Mittelkind sich dann eines Tages auch schwungvoll in meinen Ausschnitt. Kennen Sie die Kotz-o-Rama-Szene aus der Stephen King Verfilmung „Stand by me – Geheimnis eines Sommers“, in der beim Tortenesswettbewerb eine Kettenreaktion von sich erbrechenden Menschen ausgelöst wird (die komischerweise alle schwallartig Blaubeerkuchen ausspucken, selbst die, die nur im Publikum gesessen und de facto keinen Blaubeerkuchen gegessen haben)?

Na ja, genauso fühle ich mich auf jeden Fall, ich würde liebend gern mitspucken. Ich stelle den armen Pimpf, der von seiner eigenen Handlung so überrumpelt worden ist, dass er angefangen hat, wie am Spieß zu brüllen, in die Badewanne und versuche, mich selbst zunächst notdürftig zu säubern. Rabenmutter? Sollte ich mich nicht zuerst um meinen Sohn kümmern? Sollte ich, aber das kann ich nicht, solange sein Mittagessen auf meiner nackten Haut klebt. Ich habe keine Probleme mit essensverschmierten Mündern oder Rotz und Tränen, die in meinem Lieblingspulli abgewischt werden. Ich puhle meinen Söhnen auch schon mal einen Popel (hier bekannt als Bumpi) aus der Nase und ich säubere Unterhosen, die im Eifer des Gefechts mit einer Windel verwechselt wurden, aber Erbrochenes führt bei mir auf der Stelle unwiderruflich zu Würgreflexen.

Ich rufe den Mann auf der Arbeit an, der wider Erwarten sogar ans Telefon geht.

„Örghmpfph“, würge ich.

„Wie bitte?“

Okay, das bringt nichts, da muss ich wohl selbst durch. Wie gut, dass ich nur mit Erbrochenem Probleme habe, in diesem Moment verzieht das Mittelkind nämlich das Gesicht und maunzt kläglich. „Mama.“ An seinen Beinen läuft der Inhalt seiner gesprengten Windel hinab. Wie praktisch, dass er noch in der Badewanne steht.

Da das Entleeren der möglichen Körperöffnungen in den nächsten Stunden im Wechsel oder wahlweise sogar zeitgleich nicht endet, kommen wir um einen Besuch bei der Kinderärztin mit Stuhlprobe („Kein Problem, warten Sie fünf Minuten!“) nicht drum herum.

Am nächsten Tag hat es auch das Großkind erwischt. Er leidet wie ein echter Mann und verlangt nach einer 24/7-Betreuung. Eigentlich ist er mit seinen zu diesem Zeitpunkt vier Jahren bereits in der Lage, einen Eimer zu treffen, entscheidet sich aber lieber fürs elterliche Bett, für das mir langsam die Bezüge ausgehen.

„Frätzchen, wenn du noch einmal brechen musst, dann bitte in den Eimer oder wenn du es bis zu dem nicht schaffst, aufs Parkett, aber nicht auf den Teppich, in Ordnung?“

„Mach ich, Mama“, spricht er zwischen zwei Schluchzern und bricht auf den Teppich.

In meinen Gedärmen beginnt es, gefährlich, zu grummeln, als das Telefon klingelt. Es ist die Kinderärztin mit den Ergebnissen der Stuhlprobe.

„Haben Sie nicht gegen Rota-Viren impfen lassen?“

„Nein.“

„Ja, dann haben Sie die jetzt.“

Hmpf!

Während das Mittelkind brav seine Elektrolytlösung schlürft und sich langsam auf dem Wege der Besserung befindet (man muss es nur schaffen, die Windel sofort in dem Moment zu wechseln, in dem er sie befüllt und kann damit Schlimmeres verhindern), fangen der Mann und ich nun auch an, zu kränkeln (vorsichtig umschrieben). Dankenswerterweise sind wir in der Lage, Eimer und Toilette zu nutzen, sodass mir zumindest das weitere Wechseln von Bettlaken und Kleidung erspart bleibt.

Die nächsten Tage ernähren wir uns blassgesichtig von stundenlang eingekochter Möhrensuppe (schmeckt so gut wie es klingt) und versuchen, diese auch im Magen zu behalten.

Nach der Geburt des Winzkindes haben wir uns nun spontan dazu entschieden, ihn gegen Rota-Viren impfen zu lassen. Er scheint jedoch Wert darauf zu legen, lieber Brech-Durchfall zu bekommen. Bei unserem Kinderarztbesuch spuckt er die Schluckimpfung nämlich in kleinen Fontänen direkt wieder aus dem Mund (kennen Sie diese Fische, die ihre Beute mit gezielten Wasserstrahlen aus der Luft schießen?). Der Rest, der doch seinen Weg in dem Magen gefunden hat, wird mit einem ausgewachsenen Milchbäuerchen wieder entsorgt. Sollte er wirklich irgendwann Rota-Viren bekommen, stelle ich ihn in einem Weidenkörbchen an die Straße mit dem Hinweis, dass wir ihr gern wieder zurück nehmen, wenn er es überstanden hat. Denn nochmal möchte ich das nicht mitmachen!

Dies alles soll übrigens kein mit erhobenem Zeigefinger gehaltenes Plädoyer für die Rota-Viren-Impfung sein! Falls Sie Ihre Kinder nicht gegen Rotaviren impfen wollen, sollten Sie kein schlechtes Gewissen bekommen, wir haben es alle überlebt. Gegen das Kinderkriegen soll es natürlich auch keins sein, falls meine Schilderungen Sie irgendwie abgeschreckt haben sollten.

Und schimpfen Sie jetzt nicht, über die expliziten Beschreibungen sich erbrechender Familienmitglieder, ich hatte Sie ausdrücklich mit meinem Banner gewarnt.

Diejenigen unter Ihnen, die jetzt gar nicht genug bekommen können, denen empfehle ich das „Barf-o-Rama“ in Bild und Ton bei youtube.

Donnerstag, 26. März 2015

Familie Igel geht heut aus ...

… freuen sich das Eichhorn und die Maus.

Der Standardspruch meines Vaters, wenn wir früher irgendwohin gefahren sind. Nun ist es so, dass ich als selbstredend wohlerzogenes und in allerhöchstem Maße pflegeleichtes Einzelkind großgeworden bin. Die Herausforderung, mit mir einen Ausflug zu unternehmen, war also auf relativ geringem Level.

Wenn ich heute als Mutter dreier Jungs im bekanntermaßen völlig anspruchslosen Alter zwischen null und sechs Jahren das Haus verlassen will, gleicht das einer Kampfansage gleichermaßen an mein Organisationstalent als auch an mein Nervenkostüm.

Die ersten zarten frühlingserwachenden Sonnenstrahlen lassen das Vatertier und mich dazu hinreißen, den Vorschlag zu machen, am Wochenende den Zoo zu besuchen. Der ältere Teil der Kinderschar ist begeistert, dem jüngeren Teil ist es ziemlich wurscht.
Das Wochenende kommt und mit ihm der Regen. (Natürlich!)

„Jungs, bei dem Wetter ist es bestimmt nicht so schön, in den Zoo zu fahren.“
„Wir wollen aber in den Zoo.“ (Hierbei spricht das Großkind gern für das Mittelkind mit, das Mittelkind wiederholt dann sowieso in identischer Wortwahl und Intonation noch einmal das Gesagte.)
„Ihr mögt doch auch den Grüffelo, oder? Gestern stand in der Zeitung, dass es in der Nähe eine Grüffeloausstellung gibt, wollt ihr da hin?“
„Jaaa!“ (Das Großkind)
„Jaaa!“ (Das Mittelkind)
„Super, dann fahren wir da heute hin.“
„Heute wollen wir aber in den Zoo!“
Arrrrrrrgh!

Okay! Man ist ja flexibel. Also suche ich Gummistiefel, Regenjacken und Regenschirme zusammen. Das Mittelkind übt den Zwergenaufstand, weil er eine Regenjacke hat, die man über den Kopf ziehen muss. Findet er blöd. Das Großkind findet Mützen so ganz im Allgemeinen blöd, da sie wahlweise rutschen oder zu eng sind oder angeblich sogar beides gleichzeitig tun. Das Winzkind beschließt aus Solidarität direkt auch schlechte Laune zu bekommen.

Um sieben Uhr morgens klicke ich mich durch die Internetseite des Zoos. Um elf Uhr gibt es bei den Loris eine Fütterung durch die Besucher. Bis dahin will ich da sein. (Wir fahren eine halbe Stunde.) Ehrgeiziger Plan, ich muss fast selbst ein bisschen über mich lachen. Doch oh Wunder, um elf Uhr fünf sind wir immerhin fast pünktlich tatsächlich angekommen. Bis dahin habe ich Mützen gezählt, Carepakete gepackt, Windeln, Wechselwäsche, Feuchttücher, Kinderwagen, Babytrage, Photoapparat, Nuckel, Spucktücher, Wasserflaschen und Kinder im Auto gestapelt. Nur zwei Mal muss die bereits abgeschlossene Haustür wieder aufgeschlossen werden, weil mir einfällt, was wir noch vergessen haben. Loris, wir kommen!

Jetzt sollte man meinen, dass ein verregneter Sonntag bedeutet, dass wir ganz allein im Zoo herum laufen werden, zumal am sonnigen Wochenende zuvor laut Zoo-Homepage der Besucherrekord von 1989 gebrochen wurde. Rein rechnerisch dürfte also alles, was Beine und Kinder hat, bereits den ersten Zoobesuch des Jahres hinter sich gebracht haben. Pustekuchen! Neben uns auf dem Parkplatz steigen noch etliche Familien in Regen-/Matschhosen-Kleiderkombis aus ihren Familienkutschen und laden ihren halben Hausrat in Holzbollerwagen und UlfBo Touren Theos. An der Kasse gibt es tatsächlich eine Schlange. Ich blicke hektisch auf meine Armbanduhr und hoffe, dass wir es noch rechtzeitig schaffen, denn ich will die Kinder wollen schließlich Loris füttern.

Endlich sind wir auf dem Zoogelände, aber wo findet man jetzt diese blöden Vögel? Das Vatertier zeigt auf ein Hinweisschild zum Tropenhaus und ich trabe los.
„Wir wollen aber die Elefanten sehen!“ Das Großkind.
„Quatsch! Du willst Loris füttern!“
„Also eigentlich …!“
Ich habe kein Erbarmen und jogge mit dem Kinderwagen voran über das nieselnasse Zoogelände. Irgendwann finden wir das Tropenhaus.
„Hier riecht es komisch.“ Das Mittelkind. „Ich will wieder raus.“
Das wiederholt er gebetsmühlenartig solange, bis ich überlege, ihn im Kaimanbecken auszusetzen. Ich rase an Äffchen und anderem Getier vorbei, doch am Ende des Tropenhauses ist immer noch kein Lori in Sicht. (Ich stelle später fest, dass diese sich im Elefantenhaus tummeln. Die Logik soll mir mal einer erklären!)

Wir verlassen das Tropenhaus wieder, wobei es draußen genauso feucht ist wie drinnen, nur kälter!
„Können wir jetzt endlich zu den Elefanten?“ Das Großkind.
„Aber in zwanzig Minuten ist die Pinguinfütterung, da wollt ihr doch bestimmt mitmachen!“
„Und die Elefanten?“
„Die Pinguine liegen auf dem Weg!“

Wir erreichen das Pinguingehege und stehen uns mit ungefähr achtzig weiteren Zoobesuchern die Beine in den Bauch. Vermutlich sehen wir den Pinguinen gerade ziemlich ähnlich, die stehen auf der anderen Seite der Plexiglasscheibe genauso reglos und harren der Dinge, die da kommen.


Schließlich kommt der Zoowärter und stellt einen Eimer auf den Asphalt. Die Kinder stürzen sich darauf, grapschen nach den toten Fischen und füttern voller Freude die Pinguine. Wenn ich schreibe, die Kinder meine ich übrigens nicht meine Kinder. Die stehen nach wie vor wie festgetackert da und trauen sich nicht, sich mit ins Getümmel zu stürzen. Als wir mit viel Überredungskunst gemeinsam den Eimer erreichen, liegen nur noch eine Handvoll traurige glubschäugige Fische im blutigen Wasser. Wenigstens haben meine Söhne keine Skrupel, in die Ekelbrühe hineinzufassen, blicken danach allerdings reichlich skeptisch auf das tote Tier in ihren Händen. Innerhalb von zehn Sekunden ist der Fisch ins Becken geworfen und im Pinguinmagen verschwunden. Wie schön, dass wir für dieses erhebende Erlebnis so lange in der feuchten Kälte herumgestanden und gewartet haben.







Als wir bei den Elefanten ankommen, stelle ich fest, dass wir die Elefantenfütterung verpasst haben, behalte das aber lieber für mich.
„Und?“, hake ich beim Großkind nach. „Bist du jetzt glücklich, dass du die Elefanten sehen kannst?“
„Hm.“ Begeisterung klingt irgendwie anders.
„Stimmt was nicht?“
Leicht empört zeigt das Großkind auf den riesigen Elefantenbullen. „Der hat nur einen Stoßzahn!“

Unser Sohn fühlt sich eindeutig um die Ansicht eines intakten Tieres betrogen, lässt sich aber damit zufriedenstellen, dass der Elefant den fehlenden Stoßzahn bestimmt bei einem gefährlichen Kampf verloren hat.

Im Anschluss durchlaufen wir das Afrikapanorama einmal komplett, um festzustellen, dass alle Tiere bei dem Scheißwetter lieber drinnen verweilen, vernichten das Carepaket, besichtigen die Sanitäranlagen und drücken uns im Aquarium die Nasen platt.
Platt ist dann auch das richtige Stichwort. Erschöpft und mit einer gewissen Staunässe versehen, machen wir uns auf den Weg zurück zum Parkplatz.

Als wir endlich alle Kinder, Gefährte, Rucksäcke und uns selbst wieder eingepackt haben, kommt die Sonne hinter den Regenwolken hervor. Hmpf!
Die Kinder verschlafen die gesamte Rückfahrt und sind abends so ausgeruht, dass wir den Tatort leider mal wieder nur in der Mediathek angucken können.

Schön war’s trotzdem irgendwie! 

Sonntag, 15. März 2015

Die Verwandlung zum Muttertier


 Mein Vater hat mich genötigt, auf seinen Dachboden zu klettern. Er predigt seit Jahren, ich solle meinen ganzen Kram abholen, da ich schon mehr als ein Jahrzehnt nicht mehr bei ihnen wohnen würde und er Angst um die Statik seines Hauses habe.

Tatsächlich nimmt mein persönlicher Ramsch einen Großteil der Kisten ein, die sich dort oben stapeln. Für so gut wie jede Lebensetappe findet sich ausrangierter Krempel, der mir damals aber zu schade erschien, um ihn wegzuwerfen.

Ich entdecke meine dunkelblauen Doc Martens, deren Leder ich mir in den 90ern bei einer Schaumparty ruiniert habe. Danach waren sie so spröde und steif, dass ich sie nicht wieder anziehen konnte und meine Mutter (die sich schon vom ersten Paar wenig begeistert zeigte), weigerte sich standhaft, mir neue Docs zu kaufen. Damit war meine Punkphase auch recht schnell wieder beendet und ich musste mir eine neue Identität suchen (es folgten VANS mit dem dazu passenden Skateboard, auf dem ich allerdings nicht fahren konnte).

In Erinnerung schwelgend streiche ich mit den Fingern über einen Stapel Levis 501er in Größe 26. Vorwitzig starte ich einen Versuch, ob sie noch passen. Sie passen! Na ja, jedenfalls bis zu den Knien. Immerhin der XL Poncho und das Palästinensertuch sind größenmäßig zeitlos geblieben.



Ich wühle durch eine Kollektion von Marzipantieren, mit denen man jetzt jemanden erschlagen könnte, Motiv-Coladosen und eine Radiergummisammlung. Neben Puppenhaus, Barbie Reitstall und diversen Kirmesstofftieren sind da aber noch ganz andere Dinge vertreten, die rückblickend klar machen, dass selbst ein verhältnismäßig braves Teenagermädchen Dinge tut, von denen Eltern weniger begeistert sind.

Die Mercedesstern-Kette finde ich auf dem Schuhkarton mit der Zigarettenschachtelsammlung. Daneben eine ganze Armada von „Kleiner Feigling“ Deckeln. Und eine Kiste mit Zettelpost. „Machste in der dritten Stunde auch Reli blau?“

Hätte ich fast vergessen, den ganzen Kram. Innerhalb von zwanzig Jahren habe ich mich vom experimentierfreudigen Teenager in h&m Shirts in ein Muttertier verwandelt. Immer noch mit h&m-Shirts aber inzwischen trage ich welche mit Stilleinsatz.

 

Ich nehme mir vor, eine kleine Kiste herzurichten, mit Dingen, die auf jeden Fall aufbewahrt werden sollten, allein schon aus dem einfachen Grund, weil sie mich auf den Boden der Tatsachen zurück holen werden, wenn meine Jungs in ein Alter kommen, in dem sie mir als Mutter das ein oder andere graue Haar bescheren werden.

Denn eines Tages werden meine Söhne alt genug sein, um mich an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Und ich werde es hassen und behaupten, niemals geraucht, Alkohol getrunken oder ähnlich jugenddelinquente Dinge getan zu haben. Ich bin nämlich die Art von Mutter, die Artikel aus der Zeitung ausschneidet über dumme Jugendliche, die unnötig ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. Die müssen meine Jungs dann lesen, bevor ich sie das erste Mal abends allein vor die Tür lasse.

Doch wenn sie dann  betrunken nach Hause kommen, werde ich einen Blick in meine Kiste werfen und mich daran erinnern, was ich als Teenager so getrieben habe. Ich werde meinen Söhnen vielleicht nicht den Rücken tätscheln, wenn sie über der Kloschüssel hängen und wenn sie mit ihrem ersten Kater im Bett liegen, werde ich eventuell sogar ziemlich laut „Enter Sandman“ von Metallica hören. Aber ich werde mir Mühe geben, zu verstehen, dass es wohl irgendwie alles zum Großwerden dazu gehört. Dabei werde ich hoffen, dass sie niemals von der Polizei nach Hause gebracht werden und sehnsüchtig darauf warten, dass sie die Teenagerzeit unbeschadet überstanden haben und mit ihren eigenen Kindern auf dem Rückweg vom Kindergarten Hörspiele hören.

Und damit ich diesen Vorsatz nicht so schnell vergesse, nehme ich die Danzig CD mit, die ich ebenfalls auf dem Dachboden gefunden habe und werde morgen, wenn ich die Kinder aus dem Kindergarten hole, revoluzzermäßig headbangend zu „Mother“ mit Tempo 35 durch die Tempo 30 Zone fahren. Auf dem Rückweg nach Hause muss ich nämlich wieder „Das Sams“ hören und mir wünschen, meine Jungs blieben noch sehr lange klein! 

Sonntag, 15. Februar 2015

Helikopter-Mutter inkognito


Schon mal was von Helikopter-Eltern gehört?
Per Wikipedia-Definition handelt es sich bei dieser Spezies um überfürsorgliche Eltern, die sich (wie ein Beobachtungs-Hubschrauber) ständig in der Nähe ihrer Kinder aufhalten, um diese zu überwachen und zu behüten. Ihr Erziehungsstil ist geprägt von (zum Teil paranoider) Überbehütung und exzessiver Einmischung in die Angelegenheiten des Kindes bzw. des Heranwachsenden.“

Möchte man so sein? Ja, manchmal schon irgendwie. Nein, natürlich nicht! Und deshalb erträgt man rotorblätterlos auch ganz tapfer, wenn der Nachwuchs sich waghalsig mit dem Bobby Car steile Hügel herunter stürzt oder ohne jegliche Sicherung die oberste Etage des Klettergerüstes erklimmt. Ganz insgeheim fährt das Gedankenkarussell aber doch im Extra-Speed-Modus, wenn die lieben Kleinen die Welt entdecken.



Was das Kind sagt und tut:
Das Großkind steht vor mir und puhlt sich mit den Fingern im Mund herum.
„Mama, schau nur, ich habe endlich einen Wackelzahn.“
Was ich sage:
„Oh toll, dann kann ja bald die Zahnfee mit einem Geschenk kommen.“
Was ich denke:
O-gott-o-gott-o-gott! Was passiert, wenn der Zahn im Schlaf herausfällt? Wird mein Großkind an seinem ersten Milchzahn ersticken? Sollten wir den Zahn lieber von einem Zahnarzt ziehen lassen? Nur zur Vorsicht!

Was das Kind sagt und tut:
Er dreht auf seinem neuen Mountainbike ein paar Runden über den Garagenhof.
„Guck mal, ich kann jetzt auch im Stehen Fahrrad fahren.“
Was ich sage:
„Wow! Wie ein Großer!“
Was ich denke:
Vorsicht Junge, ein Huckel! Fall nur nicht! Eigentlich könnten wir doch auch wieder Stützräder anbauen! Sitzt der Helm auch richtig? Sollte er nicht vielleicht auch Knieschoner zum Fahrradfahren tragen? Und Ellenbogenschoner? Und Knisterfolie um den Bauch gewickelt, gepolstert mit ein paar Eierkartons oder noch besser einen Brustprotektor für Motoradfahrer?

Was das Kind sagt und tut:
Wir gehen spazieren, das Großkind ist mit dem Fahrrad dabei.
„Ich fahr das letzte Stück schon mal allein nach Hause und warte vor der Garage auf euch.“
Was ich sage:
„Ja, mach nur. Wir kommen nach.“
Was ich denke:
Wenn er um die Ecke biegt, dann ist er außer Sichtweite. Allein! Er fährt ohne mein mütterliches Adlerauge neben der Straße. Was ist, wenn er auf die Straße stürzt und ein Auto kommt? Oder gar ein LKW! Oder eine komplette Herde in Panik geratener Pferde? Oder ein Panzer!??!!

Was das Kind sagt und tut:
Es guckt begeistert auf den frisch gefallenen Schnee. „Ich gehe raus in den Garten.“
Was ich sage:
„Sag Bescheid, wenn du eine Möhre für einen Schneemann brauchst.“
Was ich denke:
Ist er überhaupt warm genug angezogen? Er hat bestimmt wieder keinen Pullover unter der Jacke an! Sind eigentlich schon Kinder bei minus zwei Grad erfroren? Ob ich ihm eine Wärmflasche in die Hose stecken soll? Gibt es tragbare Heizlüfter? Und sind Frostbeulen irreparabel? Ist atmungsaktiv, wind und-, wasserdicht eigentlich gleichzusetzen mit warmhaltend? Ich glaube, ich schreibe dem Hersteller der Winterjacke mal eine Email und frage, was zum Teufel eigentlich diese Thinsulate Technologie sein soll.

Was das Kind sagt und tut:
„Mama, ich gehe ein bisschen allein draußen spielen.“
Was ich sage:
„Okay, wenn etwas ist, kannst du ja klingeln.“
Was ich denke:
Würde er trotz aller Belehrungen mit einem Fremden mitgehen, wenn ihn jemand anspricht? Soll ich das Rollo im Fenster vielleicht so runter schieben, dass ich ein Auge auf ihn werfen kann? Hätte ich ihm eine Trillerpfeife mit raus geben sollen oder Pfefferspray? Ich glaube, es wird Zeit, ihn mit seiner ersten Dose CS-Gas auszustatten. Oder ich rufe die 110 an und erkundige mich, ob sie gleich mal verstärkt in unserer Straße Streife fahren können.

Was das Kind sagt und tut:
„Ich gehe in die Garage und werkel ein bisschen mit Papas Werkzeug.“
Was ich sage:
„Super, bau was Schönes.“
Was ich denke:
Zimmermannshammer, Nägel, Schleifmaschine! Zur Hilfe! Ich sehe Nägel in den Augen, Hammer auf Daumen und abgeschliffene Hautfetzen durch die Gegend fliegen. Mir wird ein bisschen schummerig.

Ja, das alles sind Dinge, die mir durch den Kopf gehen. Dieses Gedankenkarussell fährt aber nur beim Erstgeborenen so niederträchtig seine Kreise. Alle darauffolgenden Nachkommen stürzen sich bereits mit zwei freihändig auf dem Laufrad vor die Garagenwand, ruinieren sich das Fußbett, weil sie sich mal wieder ganz allein die Schuhe verkehrt herum angezogen haben und essen auch schon mal was Unbekanntes aus dem Garten, ohne dass mich augenblicklich das panikartige Gefühl befällt, postwendend in die Notaufnahme fahren zu müssen. Denn beim Beobachten des Großkindes habe ich gelernt, dass der Nachwuchs das meiste tatsächlich sehr gut allein meistert, ohne dass der Helikopter in meinem Kopf seine Rotorblätter in Lichtgeschwindigkeit drehen muss!

Manchmal, ganz selten, sage ich übrigens auch genau das, was ich denke!

Was das Kind sagt und tut:
„Ich muss Pipi“. Das Mittelkind lässt die Hosen runter und stellt sich vor die Toilettenbrille.
Was ich sage:
„Igitt, so eine Schweinerei. Setz dich hin!“
Was ich denke:
Igitt, so eine Schweinerei, er soll sich hinsetzen!
Was der Vater sagt:
„Haha! Ganz der Papa!“
Was der Vater denkt:
Haha! Ganz der Papa!